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9Nov/090

Online-Redaktionen: der Mauerfall und die Wiedervereinigung der Gehirnhälften

Das schönste redaktionelle Online-Feature zum Mauerfall kommt natürlich nicht aus Deutschland. Die New York Times hat mal wieder vorgemacht, wie man mit relativ einfachen Mitteln einen sehr prägnanten Effekt erzielen kann. Und so wandert der Link auch gerade als Empfehlung durchs Web. Was hier besonders deutlich wird: nicht die riesigen funkelnden Flash-Anwendungen mit interaktiver Karte und dutzenden Bildern in Slideshows gewinnen, sondern der größte Effekt mit dem geringsten Aufwand – sowohl für den Benutzer als auch bei der Erstellung.

New York Times - Mauerfall Special

New York Times - Mauerfall Special

Zum Vergleich: das Mauerfall-Special von Morgenpost Online. Ja, das ist toll. 3D und mit Karte vom Mauerverlauf. Und hervorragendes Design mit ansprechender Typographie. Aber kommt darin irgendetwas vor, was wir nicht in ähnlicher Form schon lange kennen? Wir wissen doch, wo die Mauer verlief, zumindest grob. Das Beispiel von der New York Times zeigt wunderbar, wie eine schlichte und unprätentiös umgesetzte Idee trotzdem mehr Emotionen weckt.

Morgenpost Mauerfall Special

Morgenpost Mauerfall Special

Für alle, die sich mit Informationsarchitektur und Usability beschäftigen ist dieser Vergleich auch aus einem anderen Grund interessant: viel zu selten denkt man nämlich als Konzeptioner oder Designer an die Frage "Mit welcher Gehirnhälfte des Nutzers "spreche" ich eigentlich gerade?". Schließlich ist eine Hälfte unseres Hirnkastls für Mathematik, Logik und alle harten Fakten zuständig, während sich in der anderen Hälfte Gefühle, Glaube und so ziemlich alles Abstrakte tummeln. Beinahe kurios ist es da natürlich, dass bei näherem Hinsehen die Version der Morgenpost (die ja von der Aufbereitung offensichtlich verspielt, lebendig und interessant sein soll) viel mehr unsere Fakten-Hälfte anspricht. Die vielen kleinen Navigationselemente analysieren wir erstmal, versuchen zu verstehen, was uns da geboten wird – und dann steckt in dem bunten, lebendigen Ding vor allem eines drin: Zahlen, Daten, Namen, Fakten. Die sind sicher in dieser gelungenen Aufbereitung besser zu verstehen, aber trotz Blinkiblinki für große Emotionen nicht gut.

Drum merke dir, oh Informationsarchitekt: Wenn man sich denn die Frage nach der angesprochenen Gehirnhälfte stellt, dann ist es ratsam, zwischen Aufbereitung, Interaktion und Inhalten zu unterscheiden.

Nachtrag: auch das Feature in der Serie "The Big Picture" des Boston Globe ist mal wieder sehr gelungen. Size matters. Und: die Bilder wirken gleich ganz anders, ohne nerviges durchgeklicke und all die popligen kleinen Linkelemente und Buttons, die bei einer Bildergalerie sonst dazugehören. Deutsche Newsportale sind zu PI-gierig für sowas.

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