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2Nov/090

Social Media: Die Abschaltung des Web 1.0

Vor einer Woche hat Yahoo das Web 1.0 abgeschaltet.
Oder zumindest das, was mit seinen blinkenden, WordArt-Texten, hüpfenden Baustellenschildern und tanzen Streifenhörnchen-GIFs so schön für die allerersten Schritte im Web stand, die wir mal alle getan haben. Als man noch ganz aufgeregt war, dass man "drin" war, und das Modem munter vor sich hinfiepte. Yahoo hat GeoCities abgeschaltet, den Website-Hoster, den man anno 1999 für sagenhafte 3,5 Milliarden Dollar (in überbewerteten Aktien) übernommen und danach weitestgehend sich selbst überlassen hatte.

Damals state of the art: unter der GeoCity-typischen Adresse HotSprings 1837 verbarg sich diese absolut ernstgemeinte Seite zum Thema Schlafstörungen

Damals state of the art: unter der GeoCity-typischen Adresse HotSprings 1837 verbarg sich diese absolut ernstgemeinte Seite zum Thema Schlafstörungen

Verglichen mit GeoCities ist selbst MySpace eine Ort der Ruhe und Meditation, und aus heutiger Sicht war es einfach nur ziemlich hässlich und schlimm. Nach dem Kauf durch Yahoo ging es dann auch steil bergab: eine GeoCities-URL war vom Zeichen von Medienkompetenz und versiertem Early-Adopter-Dasein zu einem peinlichen Geständnis geworden. Aber man sollte sich nicht darüber hinweg täuschen lassen, dass GeoCities mal das dritthäufigst besuchte Angebot im Web war... und dass die Idee, jedem einen eigenen Platz in diesem neuen Webdings zu geben anno 1995 überhaupt nichts banales darstellte. Sich in dieser neuen, fremden Welt namens Internet einen eigenen Platz zu schaffen war nicht peinlich – es war großartig und erhebend.

Immer austauschbarer: Die Logos von Geocities

Immer austauschbarer: Die Logos von Geocities

Ein kleiner Teil des Niedergangs von GeoCities ist einer desaströsen Markenstrategie mit ständig wechselnden und austauschbaren Logos geschuldet (nicht umsonst ist aus Flickr nicht Yahoo Flickr geworden... man hat gelernt). Der Todesstoß dürfte aber wohl gewesen sein, dass man ein ganz normaler Gratishoster in einem Me-Too-Markt wurde. Der Nachbarschaftsgedanke (auf der Startseite von 1996: "Today's cool Homestead: HotSprings 1837") und andere Einzigartigkeiten spielten keine Rolle mehr, und die eigene, ursprüngliche Idee wurde nicht konsequent weiterentwickelt. Anstatt als Community neue Coolness zu entwickeln und letztlich MySpace den Erfolg vorwegzunehmen war man fortan der Zombie des Gratishoster-Marktes. Community-Marken dürfen ein bisschen "whacky" sein – da darf, je nach Zielgruppe, auch durchaus einiges an Trash passieren. Denn es ist der eigene geliebte Trash, oder der von Freunden. Für ein Unternehmen, das sich weiterhin als Hoster definierte war dieses Image aber tödlich. Kurzum: anders als viele Pessimisten meinen hätte es durchaus funktionieren können.

GeoCities hat neben ein paar wenigen anderen das Fundament für Social Web und "User Generated Content" gelegt. Ein Augenblick des Innehaltens und Gedenkens ist angemessen.

GeoCities auf web.archive.org:

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